Alles muss raus (2010)

Christel Wermuth

Alles muss raus

 

Im Zusammenhang mit unserem Motto „Alles muss raus“ habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was mit meiner Malerei „heraus möchte“. Ein Autor, der sich als Kunsthistoriker mit dem Wesen von Kunst immer wieder intensiv auseinandersetzt, ist Wolfgang Ullrich.

Er spricht in seinem Buch „Tiefer hängen – über den Umgang mit der Kunst“ von der Geschlechtsumwandlung in der Kunst. Er macht sich darüber Gedanken, warum in den letzten Jahren deutlich mehr Frauen an den Kunstakademien studieren (und auch deutlich ältere) als noch vor zwanzig Jahren. Geht eine „Verweiblichung“ einher mit einer „Verweichlichung“? Er beobachtet auch, dass das Bild des heroischen, kompromisslosen Einzelkämpfers, der die Gesellschaft durch seine Kunst verändern will, im Wandel begriffen ist.

Kunst ist heutzutage introvertierter, stiller, psychologisch orientiert, schreibt er. Kreativität bekommt einen höheren Eigenwert. Kunst ist freundlicher, offener, wärmer als ehedem.

Immer wieder wurde in der Kunstgeschichte - und so auch heute - vom Ende der Kunst gesprochen. So setzen sich viele Kunstwerke mit der Frage nach den Grenzen der Kunst auseinander.

Ich als Künstlerin kann nur sagen, ohne Kunst wäre mein Leben leer und trostlos. Sie hat mein Leben von klein an geprägt, ohne dass ich darüber nachgedacht habe, wieso und warum ich immer wieder das Bedürfnis hatte, Farben und Formen auf eine zweidimensionale Ebene zu bringen.

Was musste da raus?

Viele Jahre habe ich Gegenstände und Menschen zeichnerisch dargestellt. Es waren Menschen, die mir etwas bedeuteten, aber auch Fremde. Es waren Gegenstände, deren zeichnerische Wiedergabe mich faszinierte. Später experimentierte ich mit den verschiedensten Materialien und entdeckte die Faszination von freien Formen und Strukturen und ließ mich durch Zufälliges inspirieren und neue Formen finden. Ich habe gelernt, offen für Malprozesse zu sein, keine Angst zu haben, sondern so lange zu verändern, bis das, was vorher Chaos war, einen neuen Zusammenhang erhält, eine Spannung besitzt, die man fast „lebendig“ nennen könnte.

Das was ich hier beschrieben habe kennen viele von uns: einen kreativen Schöpfungsakt. Der ist bei Leibe nicht nur von Glücksgefühlen geprägt, sondern besteht auch aus Kampf und Niederlage, wenn man glaubt am Nullpunkt zu stehen, wo man unzufrieden ist mit der eigenen Kreation. Irgendetwas stimmt nicht oder stört, dem Ganzen fehlt die Spannung, die Ausdruckskraft.

Erst das Loslassen an diesem Punkt, oft das Zerstören und Übermalen des Bildes, führt dann zu etwas wirklich Neuem, das nicht geplant war. Blockaden durch unseren Verstand werden an diesem Punkt überwunden und tiefere, gefühlsmäßige Schichten werden frei. Oft ist das ein tranceähnlicher Zustand, verbunden mit Glücksgefühlen, auch Flow-Erlebnis genannt. Man folgt einer „inneren Logik“, arbeitet intuitiver; die „innere Quelle“ hat sich aufgetan. All diese Ausdrücke zeigen, dass es sich hier um eine emotionale Ebene handelt, die mit Worten nur schwer zu beschreiben ist, die aber mit Gefühlen der Freude und höchster Konzentration und Lebendigkeit verbunden sind. Diese innere Stimmungslage ist so intensiv, dass sie sich förmlich einen Weg nach außen in die Realität sucht. Damit ist sie „Kunst“ geworden. Alle Kunst braucht diesen starken emotionalen Antrieb, um sich in irgendeiner Form Ausdruck zu verschaffen.

Was aber hat nun zu den Formen geführt, die in meinen Bildern zu sehen sind? Das mit Worten zu erklären, wäre so als wollte man Musik in Worten beschreiben. Das geht bis zu einem gewissen Grad, aber ist nicht die Musik. Man muss sie hören, ihre Schwingungen aufnehmen, mitsingen, mittanzen. Nicht anders ist es mit einem Bild auch. Wer sich von den Formen und Farben „ansprechen“ lässt, geht in Resonanz dazu und letztendlich in Resonanz zu mir. Damit habe ich mit meinen Bildern meine Schwingungen in die Welt gebracht, und mehr nicht.

Bei dem „Je ne sais quoi“ handelt es sich um einen Ausdruck, der in der Kunstgeschichte immer wieder auftaucht und ein Phänomen bezeichnet, das mit der Schwierigkeit der begrifflichen Definition eines Kunstwerks zu tun hat. Dazu noch einmal Wolfgang Ullrich, der hierzu Marivaux zitiert: „Suchen Sie mich nicht unter einer bestimmten Form, ich tauche unter tausend auf und habe keine feste: Deshalb sieht man mich, ohne mich zu erkennen, ohne mich fassen und definieren zu können; man verliert mich aus dem Blick, sobald man mich anschaut, man spürt mich und durchschaut mich doch nicht.“ (W. Ullrich: Was war Kunst?, 2006, S. 14)

Vaals, den 28.8.2010
Christel Wermuth